Hintergrund

Pflegerische Versorgung in Deutschland

19% der deutschen Bevölkerung sind älter als 65 Jahre und 5 % älter als 80 Jahre. 2040 erhöht sich der Anteil der über 65-Jährigen auf 30% und der der über 80-Jährigen verdoppelt sich auf 10% [1]. Pflegebedürftig im Sinne des Pflegeversicherungsgesetzes sind derzeit in Deutschland 2,6 Millionen Menschen [2]. Hochrechnungen gehen davon aus, dass im Jahr 2030 bei abnehmender Gesamtbevölkerungszahl der Anteil der Pflegebedürftigen auf 3,4 Millionen ansteigen wird. Aktuell wird rund ein Drittel der pflegebedürftigen Menschen ausschließlich oder zum Teil von ambulanten Pflegediensten versorgt [2].

Der Anteil der Beschäftigten in den Pflegeberufen, die nicht in Deutschland geboren sind und somit über eine eigene Migrationserfahrung verfügen, liegt aktuell bei 15%. Der Anteil der Pflegenden mit Migrationserfahrung in der Gruppe der Altenpflegekräfte liegt sogar bei 20% [3]. Zum Vergleich liegt der Anteil der ausländischen BürgerInnen in Deutschland allgemein derzeit bei 10,5% [4].

Drei Entwicklungen legen nahe, dass der Anteil an Pflegenden mit Migrationshintergrund zukünftig steigen wird. Zum einen wird der Anteil der bundesdeutschen Bevölkerung mit Migrationshintergrund insgesamt wachsen [5]. Ferner werden verstärkt Pflegekräfte aus dem Ausland (z. B. Philippinen, Vietnam) aktiv für den deutschen Arbeitsmarkt angeworben [6]. Drittens werden mehr pflegebedürftige Menschen zu Hause versorgt werden müssen. Dies führt zu einer zunehmenden Nachfrage haushaltsnaher Dienstleistungen. Diese werden vermehrt durch sogenannte 24-Stunden-Betreuungskräfte ausgeführt, die aus mittel- und osteuropäischen Ländern in die deutschen Haushalte vermittelt werden. Man geht derzeit von ca. 100.000 solcher Hilfen in deutschen Haushalten aus [7].

Es liegen derzeit keine hinreichenden Evidenzen vor, um die Frage zu beantworten, ob Pflegekräfte mit Migrationshintergrund mehr oder andere Belastungen am Arbeitsplatz erleben als ihre einheimischen Kollegen. Ferner fehlt bislang eine systematische Analyse der ambulanten pflegerischen Versorgung hinsichtlich des Ausmaßes der Interkulturellen Öffnung2.

 

Ziel des Projekts

Das Forschungsprojekt verfolgt folgende fünf Ziele:

Modul 1:
Systematischer Überblick über die internationale wissenschaftliche Evidenz zur Gesundheit von Pflegenden mit Migrationshintergrund
Modul 2:
Identifikation der psychosozialen Gesundheit am Arbeitsplatz von Pflegekräften mit Migrationshintergrund
Modul 3:
Identifikation der psychosozialen Gesundheit am Arbeitsplatz von 24-Stunden-Betreuungskräften
Modul 4:
Ist-Zustand der organisationalen Ausrichtung gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund ambulanter Pflegedienste in Hamburg
Modul 5:
Quantifizierung der psychosozialen Gesundheit am Arbeitsplatz von Pflegekräften mit Migrationshintergrund

Das Forschungsprojekt möchte einen Beitrag leisten, Barrieren und Ressourcen in der interkulturellen Arbeit der pflegerischen Versorgung systematisch wissenschaftlich zu erfassen und Potentiale zur Reduktion von Arbeitsplatzbelastungen zu identifizieren. Damit soll langfristig sowohl die Arbeits- als auch die Gesundheitssituation von Pflegenden mit und ohne Migrationshintergrund verbessert werden.

 


2 Interkulturelle Öffnung: Interkulturelle Öffnung bezeichnet die Ausrichtung einer Organisation, um die Zugangshindernisse für Menschen mit Zuwanderungsgeschichte abzubauen. Strukturen und Prozesse sollten so verändert werden, dass auch Menschen mit Migrationshintergrund eine gleichberechtigte gesellschaftliche und institutionelle Teilhabe ermöglicht wird [8]


Literatur

[1]
STATISTISCHES BUNDESAMT (2009). Bevölkerung Deutschlands bis 2060 – Ergebnisse der 12. Koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung. Wiesbaden.
Online:
https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/Bevoelkerung/Bevoelkerungsvorausberechnung/Tabellen/VorausberechnungDeutschland.xls?__blob=publicationFile

[2]
STATISTISCHES BUNDESAMT (2015). Pflegestatistik 2013. Pflege im Rahmen der Pflegeversicherung. Deutschlandergebnisse. Wiesbaden.
Online:
https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/Gesundheit/Pflege/PflegeDeutschlandergebnisse5224001139004.pdf;jsessionid=400D11DEEF2FE3A2DA47A05C85B00C85.cae1?__blob=publicationFile

[3]
AFENTAKIS, A.; MAIER, T. (2014). Können Pflegekräfte aus dem Ausland den wachsenden Pflegebedarf decken? Analysen zur Arbeitsmigration in Pflegeberufen im Jahr 2010. In: Statistisches Bundesamt (Hrsg.). Wirtschaft und Statistik, pp. 173-182.

[4]
STATISTISCHES BUNDESAMT (2016). Bevöl­kerungs­stand. Wiesbaden.
Online:
https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/Bevoelkerung/Bevoelkerungsstand/Bevoelkerungsstand.html

[5]
DIE BEAUFTRAGTE DER BUNDESREGIERUNG FÜR MIGRATION, FLÜCHTLINGE UND INTEGRATION (2014). 10. Bericht der Beauftragten für Migration, Flüchtlinge und Integration über die Lage der Ausländerinnen und Ausländer in Deutschland. Berlin.
Online:
https://www.bundesregierung.de/Content/DE/_Anlagen/IB/2014-10-29-Lagebericht-lang.pdf?__blob=publicationFile&v=4

[6]
DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR INTERNATIONALE ZUSAMMENARBEIT (GIZ) GmbH (2015). Nachhaltig ausgerichtete Gewinnung von Pflegekräften (Triple Win). Bonn.
Online:
https://www.giz.de/de/weltweit/20322.html

[7]
NEUHAUS, A.; ISFORT, M.; WEIDNER, F. (2009): Situation und Bedarfe von Familien mit mittel- und osteuropäischen Haushaltshilfen. Deutsches Institut für angewandte Pflegeforschung e.V., Köln.
Online:
http://www.dip.de (Zugang nur für registrierte Nutzer)

[8]
Gesemann, F.; Roth, R.; Aumüller, J. (2012). Stand der kommunalen Integrationspolitik in Deutschland. Studie erstellt für das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung und die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration. Berlin.
Online:
http://www.bundesregierung.de/Content/DE/_Anlagen/IB/2012-05-04-kommunalstudie.pdf?__blob=publicationFile